Nicolas Guéguen, Céline Jacob

Here comes the Sun

Wie sich das Wetter auf die Teilnahmebereitschaft an Face-2-Face Befragungen auswirkt

Nicolas Guéguen, Université de Bretagne-Sud
Céline Jacob, Université de Bretagne-Sud

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Einleitung

Mehrere experimentelle Studien haben bisher gezeigt, dass Entscheidungen positiv vom Wetter beeinflusst werden. Hirshleifer und Shumway (2003) stellten zum Beispiel fest, dass die Intensität des Sonnenscheins im positiven Zusammenhang mit den Börsenprofiten steht. Simonsohn (2007) fand heraus, dass bei den Entscheidungen über die Zulassung zu einem Universitätsstudium die akademischen Aspekte von Bewerbern an bewölkten Tagen stärker beachtet werden, während an sonnigeren Tagen den nicht-akademischen Faktoren eine größere Bedeutung beigemessen wird.

Weitere Studien haben zudem gezeigt, dass Wetterbedingungen Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen haben. So fand Cunningham (1979, Studie 2) heraus, dass die Intensität des Sonnenscheins in einem signifikanten Zusammenhang mit den Trinkgeldern von Restaurantbesuchern steht. Flynn und Greenberg (2010) hingegen konnten anhand einer sehr großen Stichprobe (11.766 Beobachtungen, gegenüber 130 in der Studie von Cunningham) keinen Einfluss der Wetterbedingungen auf das Trinkgeld-Verhalten feststellen. Rind (1996) hat ein Experiment in fensterlosen Räumen eines Hotels durchgeführt. Ein männlicher Mitarbeiter des Hotels, der den Gästen Speisen und Getränke ins Zimmer brachte, berichtete ihnen zugleich von den aktuellen Wetterbedingungen (sonnig, teilweise sonnig, bewölkt oder verregnet). Dabei wurde festgestellt, dass mehr Trinkgeld gegeben wurde, wenn der Hotelmitarbeiter angenehmes Wetter erwähnte. In einer ähnlichen Studie fanden Rind und Strohmetz (2001) heraus, dass Kellner mehr Trinkgeld bekamen, wenn sie auf der Rückseite der Rechnung schrieben, dass das Wetter am nächsten Tag schön sein wird.

Diese Beziehung zwischen Wetterbedingungen und menschlichem Verhalten versuchen die Wissenschaftler mit dem Argument zu erklären, dass Sonnenschein positive Emotionen und Stimmungen aktiviert, die dann wiederum das Verhalten beeinflussen (Cunningham 1979; Denissen et al. 2008; Keller et al. 2005). Mehrere Studien stellten zudem fest, dass gute Stimmung die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Hilfsbereitschaft fördert (Bizman et al. 1980; Forgas 1997, 1998; Harris and Smith 1975; Job 1987; Rind 1997; Weyant 1978).

Insgesamt zeigen alle bisherigen Studien, dass unterschiedliche Sonnenintensität zu unterschiedlichem Verhalten führt. Das Ziel dieser Studie war es, die Auswirkungen des Wetters auf die Bereitschaft zur Teilnahme an einer Befragung zu testen. Cunningham (1979) hatte herausgefunden, dass die von einem Interviewer angesprochenen potentiellen Teilnehmer an sonnigen Tagen eher bereit waren, an einer Befragung teilzunehmen als an bewölkten Tagen. Bei der Studie von Cunningham (1979) könnten jedoch einige Drittvariablen die erzielten Ergebnisse erklären: Denn der Temperaturbereich betrug zwischen -18°C und 38°C, und die Befragungsteilnehmer wurden in zwei verschiedenen Jahreszeiten angesprochen – im Frühling bzw. Winter. Außerdem kannten die Interviewer die zu überprüfende Hypothese. Bei unserem Experiment wollten wir sicherstellen, dass die Ergebnisse nicht von anderen Faktoren wie der Temperatur, sondern nur von der relativen Intensität des Sonnenscheins beeinflusst werden. Zu diesem Zweck wurden Personen auf der Straße angesprochen und gebeten, an einer Befragung teilzunehmen. Diese Ansprachen erfolgten sowohl an sonnigen als auch an bewölkten Tagen. Unsere Hypothese war, dass die Teilnahmebereitschaft der angesprochenen Kandidaten an sonnigeren Tagen höher ist, als an bewölkten Tagen.

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Methode

Teilnehmer

Die Befragungsteilnehmer entstammen einem Zufallssample, bei dem 616 Männer und 768 Frauen (im Alter von ungefähr 25 bis 50 Jahren, und alleine unterwegs) in den Fußgängerzonen zweier Städte (mit 60-70.000 Einwohnern) an der südlichen Küste der französischen Bretagne gebeten wurden, an einer Befragung teilzunehmen.

Ablauf

Das Experiment wurde im Rahmen einer Befragung durchgeführt, in der die Wahrnehmung einer Lokalzeitung in der Bevölkerung untersucht wurde. Die Interviewer waren Studenten im Grundstudium eines Wirtschaftsfachs. Das Experiment galt als praktische Feldübung am Ende eines Seminars über Befragungsmethoden. Jeder Interviewer hat eine Pretest-Befragung mit 6 Teilnehmern (3 Männern und 3 Frauen) durchgeführt, um sich mit dem Ansatz, der Vorgehensweise und den Fragen der Studie vertraut zu machen.
Acht junge Frauen (M=20,6 Jahre, SD=1,2) und sechs junge Männer (M=20,7 Jahre, SD=1,4) haben an der Studie als Interviewer mitgewirkt. Sie waren alle nahezu identisch angezogen: schwarze Hose und ein langärmeliges schwarzes T-Shirt unter einem weißen. Um mögliche Unterschiede im Verhalten der Interviewer zu vermeiden, waren diese nicht über die Hypothese des Experiments informiert.

Jeder Interviewer stand vor einem Geschäft und suchte einen Passanten aus, der in seine Richtung lief. Nachdem 2 Passanten seinen Bereich passierten, sprach er einen Teilnehmer an. Falls ein Kind, ein Jugendlicher, eine ältere Person oder eine Personengruppe an ihm vorübergingen, wartete der Interviewer bis eine Person mit passendem Profil (alleine gehende(r) Mann oder Frau im Alter von ungefähr 25 bis 50) an ihm vorbeilief. Diese sprach er an mit den Worten: “Entschuldigen Sie, wir führen eine Studie über die Meinung zu einer Lokalzeitung durch. Hätten Sie vielleicht 3-4 Minuten Zeit, um uns einige Fragen zu beantworten?“ Ablehnenden Teilnehmern wurde gedankt, während die zustimmenden sofort befragt wurden, bevor auch ihnen abschließend für die Teilnahme gedankt wurde. Um zu verhindern, dass derselbe Passant mehrfach angesprochen wird, wurde die Studie in beiden Städten gleichzeitig durch verschiedene Interviewer durchgeführt, die mindestens einen Kilometer voneinander entfernt waren. Dadurch war es unmöglich, denselben Teilnehmer zum gleichen Zeitpunkt anzusprechen.
Jeder Interviewer wurde angewiesen, 100 Teilnehmer anzusprechen und alle Interviewer haben die Teilnehmer bei zwei unterschiedlichen Wetterbedingungen angesprochen.

Das Experiment wurde an sonnigen und bewölkten Tagen zwischen 10:00 und 12:00 Uhr durchgeführt. Es wurde jedoch darauf geachtet, dass bei Regen keine Ansprechversuche erfolgen. Bei der Durchführung musste die Temperatur zwischen 18 und 22°C betragen und es wurde auch darauf geachtet, dass bedeutende Unterschiede in der Außentemperatur vermieden wurden. Dies war möglich, weil in den Städten, in denen das Experiment durchgeführt wurde, morgens bei bewölktem Himmel nur relativ geringe Unterschiede bei der Außentemperatur auftraten – die unmittelbare Meeresnähe verhindert dort nämlich starke Temperaturschwankungen. Um die Wetterbedingungen genauer protokollieren zu können, wurden weitere – von den Interviewern nicht zur Teilnahme an der Befragung eingeladene – Passanten gebeten, das aktuelle Wetter auf einer Skala von 1 (bewölkt) bis 9 (sonnig) zu bewerten. Diese Bewertung wurde von zwei Helfern erfragt, die nicht als Interviewer tätig waren. Und damit die Interviewer das Ziel der Studie nicht erahnen können, waren sie während dieser Bewertungsphase nicht anwesend. Die Befragungen mit den Interviewern wurden dann nur an den Tagen durchgeführt, die von dieser weiteren Passantengruppe mit einem durchschnittlichen Wert von 1 bis 3 (bewölkt) bzw. 7 bis 9 (sonnig) bewertet wurden.
Nach Abschluss der Befragungsphase wurden die Interviewer noch gefragt, was sie sich als das eigentliche Ziel der Studie vorstellen könnten. Keiner von ihnen nannte dabei die ‚Wetterbedingungen’ als eine mögliche Option.

Ergebnisse

Die Anzahl an Teilnehmern, die bereit waren an der Befragung teilzunehmen, war in dieser Studie die gemessene abhängige Variable. Die entsprechenden Daten sind in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1 Teilnahmebereitschaft nach Wetterbedingungen und Geschlecht des Teilnehmers bzw. Interviewers.

Männliche Interviewer Weibliche Interviewer
Sonnige Tage Bewölkte Tage Sonnige Tage Bewölkte Tage
Männliche Teilnehmer (N=616) 41,5% 31,5% 51,8% 40,1%
(54/130) (42/134) (88/170) (73/182)
Weibliche Teilnehmer (N=768) 42,9% 33,3% 42,3% 34,1%
(69/161) (56/168) (90/213) (77/226)

Um die möglichen Einwirkungen von Variablen zu berücksichtigen, wurde ein Log-lineares Modell mit 2 (Geschlecht des Teilnehmers)×2 (Geschlecht des Interviewers)×2 (Wetterbedingung) Faktoren angewandt. Dieses Verfahren wird anstatt des traditionellen Chi-Quadrat-Unabhängigkeitstests von Pearson verwendet, wenn mehr als zwei kategorische Variablen vorhanden sind. Es wurde ein bedeutender Einfluss des Wetters festgestellt (χ2=9,87, p=0,002, V=0,08) Dieser zeigte, dass die Teilnehmer insgesamt an sonnigen Tagen (43,2%) eher bereit waren, an der Befragung teilzunehmen als an bewölkten (34,9%). Ein Einfluss des Geschlechts des Interviewers (χ2=2,42, p=0,11, V=0,04) oder des Teilnehmers (χ2=1,96, p=0,11, V=0,04) wurde nicht festgestellt. Ein Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Interviewer und der Teilnehmer (χ2=9,83, p=0,008) konnte jedoch durchaus identifiziert werden: Männliche Teilnehmer waren bei einer weiblichen Interviewerin eher bereit an der Befragung teilzunehmen als bei einem männlichen Interviewer. Bei weiblichen Teilnehmerinnen konnte indes kein diesbezüglicher Unterschied festgestellt werden. Andere Interaktionen wiesen keine statistische Signifikanz auf.

Diskussion

An sonnigen Tagen war eine größere Anzahl von Teilnehmern bereit, an der Befragung teilzunehmen. Dies gilt sowohl für männliche und weibliche Teilnehmer als auch für männliche und weibliche Interviewer. Die Ergebnisse dieses Experiments sind interessant für die Praxis, weil sie deutlich zeigen, dass die Responsequote bei Face-2-Face Befragungen von den Wetterbedingungen beeinflusst wird. Zugleich werden dadurch die Ergebnisse aus früheren Studien bestätigt, die festgestellt haben, dass Sonnenstrahlen zwischenmenschliche Beziehungen fördern (Cunningham 1979). In der Studie von Cunningham wurde jedoch lediglich das Verhalten beim Geben von Trinkgeld gemessen, und Flynn and Greenberg (2010) konnten keinen Wettereffekt auf das Trinkgeld-Verhalten feststellen.
Zudem wurden bei diesen Studien – anders als bei unserem Experiment – die Daten nicht anhand der Temperatur oder des Regens kontrolliert und es wurde keine Bewertung des aktuellen Wetters vorgenommen.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen ihre Stimmung an sonnigen Tagen positiv einschätzen (Cunningham 1979; Denissen et al. 2008; Keller et al. 2005) und positive Stimmung zwischenmenschliche Beziehungen und die Hilfsbereitschaft fördert (Forgas 1998; Job 1987; Rind 1997) – und dass der Einfluss der Sonne auf die Hilfsbereitschaft somit wahrscheinlich in der Stimmung begründet liegt. Es wäre folglich interessant, im Rahmen einer weiteren Studie die Auswirkung der Stimmung auf die Hilfsbereitschaft unter verschiedenen Wetterbedingungen zu untersuchen.

Dieses Experiment weist einige Einschränkungen auf. Die Interviewer wurden nicht über das eigentliche Ziel der Studie und die bisherigen Forschungen zu diesem Thema informiert. Sie haben sich jedoch möglicherweise bei unterschiedlichen Wetterbedingungen unbewusst unterschiedlich verhalten. So könnte die positivere Stimmung der Interviewer an sonnigen Tagen das Verhalten der Teilnehmer beeinflusst haben. Bei dieser Studie wurde darauf geachtet, dass die externe Temperatur kontrolliert und keine Befragungen an Regentagen durchgeführt wurden. Weitere Variablen, welche die Reaktionen der Teilnehmer beeinflusst haben könnten (z.B. Luftfeuchtigkeit, Windstärke), können jedoch nur schwer kontrolliert werden.

Übersetzt aus dem Englischen von:
re-trans - research translations

Literaturverzeichnis

Bizman, A., Y. Yinin, B. Ronco and T. Schachar. 1980. Regaining self-esteem through helping behavior. The Journal of Psychology 105(2): 203–209.

Cunningham, M.R. 1979. Weather, mood, and helping behavior: quasi experiments with the sunshine Samaritan. Journal of Personality and Social Psychology 37(11): 1947–1956.

Denissen, J.J.A., L. Butalid, L. Penke and M.A.G. van Aken. 2008. The effects of weather on daily mood: a multilevel approach. Emotion 8(5): 662–667. Flynn, S.M. and A.E. Greenberg. 2010. Does weather actually affect tipping? An empirical analysis of time series data. Personal document. Available at http://mpra.ub.uni-muenchen.de/25118/.

Forgas, J.P. 1997. Affect and strategic communication: the effects of mood on the production and interpretation of verbal requests. Polish Psychological Bulletin 28(2): 145–173.

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Harris, M.B. and R.J. Smith. 1975. Mood and helping. The Journal of Social Psychology 91(2): 215–221.

Hirshleifer, D. and T. Shumway. 2003. Good day sunshine: stock returns and the weather. Journal of Finance 58(3): 1009–1032.

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Keller, M.C., B.L. Fredrickson, O. Ybarra, S. Côté, K. Johnson, J. Mikels, A. Conway and T. Wager. 2005. A warm heart and a clear head: the contingent effects of weather on mood and cognition. Psychological Science 16(9): 724–731.

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Weyant, J. 1978. Effects of mood states, costs, and benefits of helping. Journal of Personality and Social Psychology 36(10): 1169–1176.


1 Kommentar

  • Sehr interessanter Artikel. Ich kann die hier vorgestellten Ergebnisse bestätigen. Gerade bei persönlichen Befragungen im öffentlichen Raum kommt es hier immer wieder zu Verzerrungen, die die Repräsentativität der Erhebung in Frage stellen. Daher erfassen Interviewer bei uns auf dem Fragebogen immer auch die Wetterlage.

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