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Smartphone-Sucht in China: Können Medien die chinesischen “Phubber” retten?

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China weist weltweit die zweithöchste Zeit auf, die durchschnittlich am Smartphone verbracht wird. Daher versucht China nun mit Werbeanzeigen, die Sucht nach der Technologie zu bekämpfen.

Ist die Smartphone-Sucht heilbar?

Junge Chinesen sind einige der schlimmsten Übeltäter des sogenannten „Phubbings“ geworden (ein neues Wort, das „phone“ – „Telefon“ und „snubbing“ – „brüskieren“ vereint). Das Wort wurde definiert als die Angewohnheit, sich mit dem Handy oder Smartphone zu beschäftigen, während man die Menschen, mit denen man gerade gesellschaftlich verkehrt, vernachlässigt. Dies ist vor allem auf Chinas hohes Niveau der durchschnittlichen Telefonnutzung pro Tag zurückzuführen, welche drastisch höher ist als in anderen Ländern.

Im Jahr 2015 führte TNS eine Studie durch, die zeigte, dass unter den chinesischen Nutzern im Alter von 16-30 Jahren die durchschnittliche Zeit der Telefonnutzung 3,9 Stunden betrug. Verglichen mit dem Weltdurchschnitt (3,2 Stunden), liegt China auf dem zweiten Platz hinter Thailand.

Seit 2014 erscheinen immer mehr Anzeigen, die darauf abzielen, die Smartphone-Sucht in China in Angriff zu nehmen. Eine Printkampagne, welche derzeit in der U-Bahn sichtbar ist, lädt chinesische Bürger dazu ein, „ihre Telefone wegzustecken, ‚phubbing‘ zu stoppen, die Köpfe zu heben, sich umzusehen und nicht zuzulassen, dass die Handys ihr reales Leben kidnappen.“ Diese Anzeige, von einer Agentur mit Sitz in Xi’an entworfen, gewann den Bronze-Preis im China Public Service Advertisement Grand Prix 2016 (2016 中 国 公益 广告 黄河 奖).

Eine Deloitte Studie mit 2000 teilnehmenden Chinesen im Jahr 2015 ergab, dass 78% ihre Smartphones mehr als 11 Mal pro Tag überprüfen (58% mehr als 11 Mal, 20% mehr als 50 Mal am Tag). Da die Smartphone-Sucht in China in den letzten Jahren ein ernstes und schwerwiegendes Problem geworden ist, haben viele öffentlich-rechtliche Medien begonnen, sich auch mit diesem Thema zu beschäftigen.

Abbildung 1: „Lassen Sie sich nicht vom Handy kidnappen.“ Diese Kampagne, von einer Agentur in Xi’an gestartet, gewann den Bronze-Preis im 2016-er China Public Service Advertisement Grand Prix. (2016 中 国 公益 广告 黄河 奖).

Die Smartphone-Sucht in China: Eine Epidemie

Daten zeigen, dass die Smartphone-Sucht für Jugendliche in China ein chronisches und weit verbreitetes Leiden geworden ist. Laut einer Umfrage von Tencent im Jahr 2016 sind 94% der 28- bis 37-jährigen Bürger es nicht gewohnt, ohne ihr Mobiltelefon außer Haus zu gehen, 84% werden unruhig und fühlen sich ängstlich, wenn ihre Telefone keine Verbindung zum Internet herstellen und 73% überprüfen eine soziale App mindestens alle 15 Minuten. Diese Symptome zeigen, dass junge Chinesen es immer schwieriger finden, ohne ihre Smartphones zu leben. Sie sind viel zu abhängig von der Bequemlichkeit, die ihnen geboten wird, sowie dem Vergnügen, das ihnen bereitet wird.

Abbildung 2: „Seien Sie ein gesunder ‚Netzbürger‘, lassen Sie sich vom Smartphone nicht einsperren“: Eine Werbe-Kampagne auf CCTV.com, welche in einem Werbewettbewerb 2015 namens ‘Chinese good netizens’(中国好网民) gezeigt wurde.

Laut einer Studie von Daxue Consulting im Jahr 2015 nutzten Chinesen im Alter von 18-27 Jahren ihre Mobiltelefone für durchschnittlich 4 Stunden pro Tag. CASS (中国社会科学院 Chinese Academy of Social Sciences) teilt mit, dass Studenten ihre Handys mittlerweile 5 Stunden jeden Tag nutzen, was 22% des ganzen Tages entspricht.

Viele öffentliche Medien haben dieses heiße Thema behandelt, um das Bewusstsein der ‚Phubbers‘ zu wecken, damit sie sich nicht von einer zwanghaften Abhängigkeit des Smartphones beherrschen lassen. Eine Reihe von Print-Anzeigen wurde entworfen, um die Erkenntnis für dieses Problem zu steigern.

Abbildung 3: „Musik hören, die Nachrichten sehen, den Klatsch der Berühmtheiten lesen, Weibo nutzen, auf QQ chatten, Videos anschauen, E-Books lesen, fotografieren, filmen, Taobao durchstöbern, die ‚Shake‘-Funktion von WeChat anwenden, WeChat’s ‚Moments‘ prüfen, Nachrichten senden, den Aktienmarkt beobachten, Handy-Spiele spielen… Lassen Sie sich nicht von Ihrem Telefon kidnappen. Legen Sie Ihr Handy weg!” Diese Kampagne gewann den Silberpreis in einem Wettbewerb von CCTV im Jahr 2015.

Mainstream Medien wollen diese Krise lösen

Neben den Print- oder Outdoor-Anzeigen haben auch einige Mainstream-TV-Netzwerke dieses Phänomen aufgegriffen. Der größte staatseigene Fernsehsender CCTV hat durch eine Reihe von Werbeanzeigen die Verantwortung übernommen, die Menschen über den Schaden dieser „digital abgeleiteten Grobheit“ zu warnen. Das Problem entstammt der Generation Y, die ihre Handys bei fast jeder Gelegenheit kontrollieren, während sie dabei Freunde oder Familie um sie herum ignorieren.

Abbildung 4: „Smartphones versperren unsere Sicht“: Eine Video-Werbung im Jahre 2015 auf XNTV (新疆网络电视台), ein Fernsehsender in der Provinz Xinjiang, gewann den Bronze-Preis in einem Wettbewerb von CCTV.

Neben Print- und Video-Werbung haben sich auch Rundfunknetze dieser öffentlich-rechtlichen Mitteilung angeschlossen. Ein typisches Beispiel ist CNR-1 (China National Radio 中 国 之 声, ein Radiosender im Besitz der chinesischen Regierung). Sie haben eine Sendung ausgestrahlt, die die Leute dazu auffordert, ihre Abhängigkeit von Smartphones abzuschütteln. Der Slogan besagt: „Steck dein Handy weg, um das Schöne rundherum zu sehen; schalte das Telefon ab, um deiner Familie ein Lächeln zu schenken; trenne dich von Weibo, um „Ich liebe dich“ zu deinem Partner zu sagen; hör auf ständig den Bildschirm zu aktualisieren, damit du mit deinen Eltern plaudern kannst.“

Die Smartphone-Sucht hat auch die Aufmerksamkeit von einigen kommerziellen Werbungen angezogen. China Lane (宽窄 巷子), eine Touristenattraktion in Chengdu, hat eine Outdoor-Werbung veröffentlicht, die auf dem Konzept des sogenannten ‚phubbings‘ basiert, um sich selbst zu bewerben.

Abbildungen 5 und 6: „Leg dein Telefon weg“: Eine Outdoor-Werbung von Chengdu China Lane (宽窄巷子) in 2015.
Worte auf der linken Seite: „Sei nicht damit beschäftigt, eine Verbindung zu einem WIFI-Netzwerk herzustellen und dafür die besondere Landschaft in China Lane unbeachtet zu lassen.“
Worte auf der rechten Seite: „Trinken Sie lieber zusammen Kaffee in China Lane anstatt Ihrem Freund auf WeChat einen Like zu schenken.“

Die Zeit wird zeigen, ob die Anzeigen erfolgreich sind

Durch die Bemühungen dieser verschiedenen Anzeigen, erregt die Smartphone-Sucht zunehmend Aufmerksamkeit. Im Jahr 2016 ist der Baidu Media Index auf dem Wort ‚phubbing‘ stark gestiegen. Auf Zhihu (知 乎) fragten viele ‚Netizens‘ (Netzbürger) nach einer Methode, um von dieser schlechten Angewohnheit loszukommen.

Auf Weibo zog das Thema ‚Smartphone-Sucht‘ 13 Millionen Klicks und 4.300 heiße Diskussionen mit sich. Einige Promis haben dieses Problem ebenso erkannt. Kai-Fu Lee (李 开), der vorherige Präsident von Google Greater China, hat im Jahr 2015 einen Weibo-Post veröffentlicht, worin er die Leute dazu aufruft, sich um die Menschen um sie herum zu kümmern, anstatt von ihren Handys besessen zu sein.

Aber können die jungen Chinesen diese digitale Droge so leicht loswerden? Viele wurden bereits überzeugt und haben schließlich beschlossen, mit dieser Gewohnheit zu brechen. Dennoch, mit Smartphones, die eine noch nie da gewesene Bequemlichkeit und zusätzlich Vergnügen bieten, bleibt die Zukunft ungewiss. Globale Daten von Flurry zeigen, dass die Zahl der Menschen weltweit, die süchtig nach ihren Smartphones sind, über 50% stieg. Mit der fortlaufenden Datenanalyse von Daxue Consulting über die Nutzung von Smartphones in China und über eine Vielzahl an Medien und Werbungen, die diese Nutzer gezielt ansprechen, bleibt der zukünftige Aufstieg oder Fall von ‚Phubbern‘ abzuwarten.

Weitere Informationen zum Thema „Phubbing“

Anti-Phubbing Kampagne: http://stopphubbing.com/

US-Studie zum Einfluss von Phubbing auf Partnerbeziehungen: zum Artikel

UK-Studie zu den Ursachen und Folgen des Phubbing-Phänomens: zum Artikel


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